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idea Spektrum, 05.12.2007
Foto Klinik: ideal Börner, übrige: privat
Adventszeit ist die Zeit der Erwartung und der Vorfreude auf die Ankunft (Advent) Jesu. An Heilig Abend feiern Christen seine Geburt. Doch jedes Jahr erblicken in Deutschland - offiziellen Statistiken zufolge - weit mehr als 100.000 Kinder nicht das Licht der Welt. Sie werden abgetrieben. Lebensrechtsorganisationen gehen von dreimal so hohen Zahlen aus. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Christa Meves (Uelzen) erklärte kürzlich, dass in den vergangenen 30 Jahren rund acht Millionen Kinder im Mutterleib getötet worden seien. Obwohl der damit verbundene Bevölkerungsrückgang im Westen spätestens seit Ende der 70er Jahre bekannt gewesen sei, habe sich kaum ein Politiker im Wahlkampf um dieses Thema gekümmert. Die CDU/CSU versucht im Bundestag seit Jahren einen Gesetzentwurf durchzusetzen, der wenigstens Spätabtreibungen rechtlich erschweren soll. Sie scheitert aber am Widerstand aller anderen Parteien. Mittlerweile haben sich selbst viele Christen an dieses himmelschreiende Unrecht gewöhnt. Eine von wenigen Ausnahmen: Vier Hebammen aus Sachsen zogen im vergangenen Jahr aus ihrem christlichen Glauben Konsequenzen: Um ein deutliches Zeichen gegen die Abtreibungspraxis in Deutschland zu setzen, kündigten sie ihre Arbeitsstellen und gingen in eine ungewisse Zukunft. Was ist aus ihnen geworden? idea-Redakteur Matthias Pankau hat sie besucht
Ihr Fall erregte im vergangenen Jahr weit über Sachsen hinaus Aufsehen. Die vier Hebammen Kirsten Zeil, Tamar Küchler, Aline Queck und Andrea Käppler hatten ihren Arbeitsplatz und damit ihre sichere Existenz aus Gewissens- und Glaubensgründen aufgegeben. Sie hatten in der Chemnitzer Frauenklinik gekündigt, weil dort Spätabtreibungen auch im Kreißsaal vorgenommen wurden und sie als Hebammen auf diese Weise unter Umständen hätten dabei sein müssen. Alle vier begründeten ihre Entscheidung damit, diese Praxis vor Gott und ihrem Gewissen nicht verantworten zu können.„Hebammen sollen Kindern schließlich zum Leben verhelfen", sagte Kirsten Zeil damals gegenüber idea.

 

Was man sich einredet

Doch an ihrer Entscheidung schieden sich die Geister – auch unter Christen. Die einen nannten sie Glaubenshelden – idea kürte sie zu Christen des Jahres 2006 – für andere waren sie von allen guten Geistern verlassen. „Viele haben uns für verrückt erklärt, eine unbefristete Stelle einfach so aufzugeben", erinnert sich Tamar Küchler aus Crottendorf im Erzgebirge. „So eine Stelle findest du nie wieder", hätten ihr viele gesagt. Und für die heute 35-Jährige war es tatsächlich keine leichte Entscheidung. Für sie ging es nicht nur um eine ethische Entscheidung, sondern um ihre Existenzgrundlage. Denn die allein erziehende Mutter von zwei Söhnen musste den Kredit für ein Haus abzahlen. „Wenn man da einen Monat kein Geld verdient, ist man mit seinen Mitteln ganz schnell am Ende." Außerdem liebt sie ihre Arbeit. Hebamme ist ihr Traumberuf. Also versucht sie immer wieder, sich die Tätigkeit schönzureden, wie sie selbst sagt. „Zeitweise wollte ich mir sogar einreden, dass ich doch auch etwas Gutes dabei tue. Denn schließlich begleite ich die Frauen in dieser schwierigen Situation und unterstütze sie in den Wehen."

 

Wehe denen, die Böses gut nennen

Und doch machen ihr die Abtreibungen schwer zu schaffen. Einmal erlebte Tamar Küchler durch Zufall mit, wie bei einer Frau, die ihr Kind abtreiben lassen wollte, aufgrund des verabreichten Wehenmittels die Geburt einsetzte. Das Kind bewegte sich noch, als es zur Welt kam. In der Regel wird in solchen Fällen in Deutschland dann das Baby in eine Plastikschüssel gelegt, zugedeckt und in einen Nebenraum gebracht - zum Sterben. Tamar Küchler bittet an diesem Tag, kurz Pause machen zu dürfen, um das Baby nicht alleine lassen zu lassen. „Ich habe es in meinen Händen gehalten, mit ihm gebetet und geweint bis es sich nicht mehr bewegt hat." Es sind diese Erlebnisse, die Tamar Küchler ihren Traumberuf schwer machen. Sie bittet Gott um ein eindeutiges Zeilen. Das bekommt sie am darauf folgenden Sonntag im Gottesdienst. In der Predigt liest der Pfarrer aus dem Jesajabuch: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen." Die Hebamme: „Das hat mich tief getroffen, denn genau das versuchte ich gerade. In diesem Augenblick war für mich klar, dass ich kündigen muss."

 

Nach der Kündigung ging's mir wieder gut

Der damals 24-jährigen Andrea Käppler fiel die Entscheidung  ebenfalls schwer. „Mir hat die Arbeit in der Klinik eigentlich Freude gemacht", erzählt sie. Bis zu dem Zeitpunkt, als die Spätabtreibungen in den Kreißsaal verlegt wurden. Wer weiß, was bei einer solchen Spätabtreibung wirklich abläuft, ist erschüttert, sagt sie. „Doch die meisten Menschen haben davon gar eine Ahnung. Sie denken, so etwas gibt es in Deutschland gar nicht." Was geschieht eigentlich bei einer Spätabtreibung? Dabei wird den Frauen in Deutschland in der Regel ein Wehenmittel verabreicht, das die Geburt einleitet, die die Kinder meist nicht überleben. Ab der 22. Schwangerschaftswoche kann es allerdings passieren, dass Babys doch lebendig zur Welt kommen. Werden sie dann nicht versorgt, beginnt ein qualvoller Kampf gegen den Tod. Das in Deutschland bekannteste Beispiel ist der als Oldenburger Baby bekannt gewordene Tim. Er sollte 1997 wegen eines diagnostizierten Down-Syndroms in der 26. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden. Der Junge blieb zunächst stundelang unversorgt, bevor das Klinikpersonal dann doch lebenserhaltende Maßnahmen ergriff. Heute lebt der schwer behinderte Tim bei einer Pflegefamilie. Um solche ungewollten Lebendgeburten zu verhindern, wird den Ungeborenen unter Umständen auch Kaliumchlorid injiziert, das einen Herzstillstand auslöst. Oder man unterbindet die Blutzufuhr der Nabelschnur, was das Baby ebenfalls umbringt.

Die Arbeit als Hebamme wird für Andrea Käppler zur Belastung. Denn jeden Tag muss sie damit rechnen, dass sie bei einer solchen Spätabtreibung dabei sein muss, wenn keine andere Kollegin in der Nähe ist. Sie sieht sich nach beruflichen Alternativen um, fragt im Kreiskrankenhaus in Glauchau an, wo sie während der Ausbildung ein Praktikum gemacht hat. Denn sie möchte gern auch weiterhin in einem Geburtensaal arbeiten. Momentan sei leider keine Stelle frei, heißt es dort. Nach Gesprächen mit befreundeten Christen und zahlreichen Gebeten reicht die junge Frau trotz fehlender beruflicher Alternative ihre Kündigung in Chemnitz ein. „Das Überraschende war, dass es mir danach zum ersten Mal wieder richtig gut ging", erinnert sie sich. Und drei Tage später rief der Personalchef der Klinik in Glauchau an und fragte, ob sie ihre Bewerbung schon abgeschickt habe. Es sei kurzfristig eine Stelle frei geworden. „Das war für mich eine ganz besondere Erfahrung und ein Beweis dafür, wie Gott unmittelbar und direkt in unser Leben eingreifen kann."

 

Gott macht keine Fehler

Kirsten Zeil fiel die Entscheidung, die Klinik in Chemnitz zu verlassen, nicht schwer. Ab dem Tag, als klar war, dass Spätabtreibungen auch im Kreißsaal stattfinden sollen, habe sie gewusst, dass sie nicht bleiben werde, sagt sie.

"Das 5. Gebot gilt schließlich für ungeborene Kinder genauso wie für Erwachsene. Und es gilt auch, wenn bei einem Kind eine Behinderung diagnostiziert wird", sagt die 40-Jährige bestimmt. „Denn Gott macht keine Fehler." Auch sie wusste zunächst nicht, was sie stattdessen machen sollte. Sie verließ sich allein auf die Zusage Gottes, der ihr auf ihre Gebete immer wieder dasselbe geantwortet habe: Ich gebe Euch etwas viel Besseres.

 

Merkwürdige Klinikleitung

Die Klinikleitung versucht die Hebammen in einem klärenden Gespräch mit Argumenten davon zu überzeugen, dass sie bleiben und nicht kündigen. Gerade behinderte Kinder belasteten ja nicht nur eine Ehe, sondern die ganze Gesellschaft. Deshalb müsse man zumindest in solchen Fällen doch Verständnis für eine Abtreibung haben. Immer wieder werfen auch Kolleginnen Kirsten Zeil vor, sie könne sich nicht in die Lage einer Mutter versetzen, bei deren Kind eine Behinderung diagnostiziert worden sei. Aber genau das kann sie. Denn als sie mit ihrem dritten Kind schwanger war, äußerten die Ärzte den Verdacht auf ein Gregg-Syndrom bei dem Baby. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in solchen Fällen taub, blind und schwerst hirngeschädigt zur Welt kommen, liegt bei über 90%. Kirsten Zeil und ihr Mann entscheiden sich für das Kind. Und: Es kommt gesund zur Welt.

WENN „SPÄT" ABGETRIEBEN WIRD, überleben manche Kinder ihre eigene Abtreibung wie Tim 1997. Wegen eines Down Syndrom (früher nannte man es mongoloid) hatten sich die Eltern in der 25. Schwangerschaftswoche für eine Abtreibung entschieden. Tim (Foto oben) aber kam lebend zur Welt. Lebensschützer demonstrieren zu seinem Geburtstag regelmäßig vor dem Kölner Dom.

www.tim-lebt.de

Viele Mütter bereuen es, abgetrieben zu haben

Und genau hier sieht Kirsten Zeil ein entscheidendes Problem. Immer mal wieder erwiesen sich Diagnosen im Nachhinein als falsch. Während aber bei einer Abtreibung innerhalb der ersten drei Monate eine Bedenkzeit von mindestens drei Tagen zwischen Beratungsgespräch und medizinischem Eingriff liegen muss, gibt es eine solche Frist bei Spätabtreibungen nicht. Wird bei einem ungeborenen Kind eine Behinderung diagnostiziert und die Mutter sieht sich damit überfordert, so stellt das nach dem Gesetz eine Gefahr für das Leben der Mutter dar und sie darf das Kind straffrei abtreiben lassen – und zwar ohne eine dreitägige Bedenkzeit vergehen zu lassen. „Ich habe schon viele Mütter weinen sehen, weil sie diesen Schritt in Nachhinein bitter bereut haben", erzählt Kirsten Zeil. Für seelsorgerliche Gespräche sei in der Frauenklinik allerdings nie Zeit gewesen, da die Frauen fast immer unmittelbar nach dem Schwangerschaftsabbruch als „geheilt" wieder nach Hause entlassen werden. Viele von ihnen litten danach aber unter dem so genannten Post-Abortio-Syndrom – unter Depressionen und Schuldgefühlen. Wie Frau Zeil sagt, habe sie kürzlich gelesen, dass manche Krankenkassen mittlerweile gegen Abtreibungen seien, weil ihnen die Behandlung dieses Post-Abortio-Syndroms zu teuer werde.

 

Gott sorgte für alle

Kirsten Zeil und Tamar Küchler haben sich nach ihrer Kündigung mit einer Hebammenpraxis selbständig gemacht – Kirsten Zeil in Flöha bei Chemnitz, Tamar Küchler hat ein Geburtshaus in Crottendorf eröffnet. Beide helfen bei Geburten, bieten Nachsorge für Neugeborene, Rückbildungsgymnastik für Mütter, Babyschwimmen oder Babymassage an. Und die Nachfrage ist groß. Beide sehen darin ein Wunder Gottes, denn als sie kündigten, hatte keine von beiden auch nur ansatzweise einen eigenen Kundenstamm. „Gott spannt seine Leute manchmal schon ganz schön auf die Folter", sagt Kirsten Zeil und lacht. „Aber wer sich ganz auf ihn verlässt, den versorgt er auch." Deshalb spricht die Hebamme auch nicht von ihrer Praxis. „Ich bin hier nur die Geschäftsführerin. Der Chef ist Jesus."

 

Aus dem Erzgebirge nach Indien

Auch Aline Queck ist nach ihrer Kündigung in Chemnitz ihrer Berufung als Hebamme treu geblieben – allerdings nicht in Sachsen. Sie entschied sich, mit dem Missionswerk „Jugend mit einer Mission" für ein reichliches Jahr in die dritte Welt zu gehen. Zunächst absolvierte sie eine dreimonatige Bibelschule in Australien – auch als Vorbereitung auf die Sitten und Gebräuche in Indien, Indonesien und im Sudan, wo sie dann jeweils für drei Monate als Hebamme arbeitet. Zurzeit ist sie im indischen Hyderabad. In der fast 4 Millionen Einwohner zählenden Metropole arbeitet sie im staatlichen Krankenhaus, macht Besuche bei Müttern und deren Babys in kleinen Dörfern oder in den Slums der Umgebung. Doch die Umstellung war groß. In einem Brief schreibt Aline:

 

Frauen werden geschlagen

„Angefangen von rein äußerlichen Dingen – der Kreißsaal ist sehr schmutzig und besteht aus zwei Haupt-Gebärräumen mit je fünf Betten – oder besser Metall-Tischen'`. Oft sind diese noch mit Blut verschmiert von der vorhergehenden Mutti. Bei den Babys läuft es ähnlich: Die Neugeborenen werden den ganzen Vormittag lang mit dem gleichen Tuch abgetrocknet, was schon nach dem ersten voll von Fruchtwasser und Blut ist. Erschreckend sei für sie auch, wie mit den Frauen umgegangen werde. „Wer nicht spurt wird angeschrieen. Wenn trotzdem eine Frau aufmuckt, wird sie eben geschlagen – auf die Beine oder auch ins Gesicht." Diese Art, mit Frauen umzugehen, werde sowohl vom Hinduismus als auch vom Islam gerechtfertigt. „Doch was für eine Gelegenheit für uns, diesen Frauen zu zeigen, dass sie wertvoll und wunderbar gemacht sind! Schon ein Lächeln oder wenn wir bei der Untersuchung nicht ruppig mit ihnen umgehen, das macht so einen Unterschied! Und es öffnet weitere Türen – in ihre Häuser und auch in die Herzen. Die Frauen werden endlich ernst genommen, und sprechen auch offen über ihre Anliegen und Probleme. So haben wir auch die Gelegenheit, mit fast jeder Frau - sei es in der Vorsorge oder unter der Geburt – zu beten. Sie sehen und spüren, dass wir anders sind, und so ist es uns auch möglich, die gute Nachricht von Jesus zu erzählen."

 

Ein Appell der vier Hebammen an ihre christlichen Kolleginnen:

„Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer. (Sprüche 14, 31)

Gibt es einen geringeren und schutzbedürftigeren Menschen als ein ungeborenes Kind? Mache ich mich nicht schuldig, wenn ich als Hebamme oder Hebammenschülerin die Vorbereitungen für die Abtreibungen treffe? Die Frau während der Wehen begleite, die das Kind ersticken? Die Frau beim Pressen so anleite, dass das Kind möglichst noch im Mutterleib stirbt? Was ist, wenn sich das Kind nach der Geburt noch bewegt? Wenn die Hebamme es dann in eine Plastikschüssel legt, zudeckt, in den Abstellraum stellt und rausgeht? Tut sie dem Geringen damit keine Gewalt an?

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