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"Der Sonntag", 21.12.2008
Weihnachten: Das Fest der Geburt erinnert daran, dass Gott das Leben will
 
"Jedes Baby ist ein kostbares Geschenk Gottes", sagt die Hebamme Tamar Küchler (re.). Auch Gretchen ist ein solches Geschenk. Vor anderthalb Monaten hat ihre Mutter Peggy Hamann (li.)sie zur Welt gebracht.            












Foto: Steffen Giersch
Ans Licht der Welt
Für Aline Queck und Tamar Küchler ist jede Geburt ein Wunder Gottes. Weil sie  Spätabtreibungen ablehnen verloren die Hebammen ihre Arbeit. Und haben viel gewonnen.
Von Andreas Roth
Gesehen hat Jana Härtels Kind noch niemand. Aline Queck aber kann es im Bauch der Schwangeren durch den Trichter eines hölzernen Stethoskopes hören: die Klopfzeichen des jungen Lebens. Und mit den Händen ertasten: Dort ist der Kopf, da der Po, die Beine. Es ist immer wieder ein Wunder, sagt die Hebamme. Auch Tamar Küchler sagt das, die Gründerin des Crottendorfer Geburtshauses: Ein Wunder Gottes. Das Staunen verlernen die Hebammen nicht. Dass es dieses Geburtshaus hoch oben im Erzgebirge überhaupt gibt, dass 21 Kinder hier das Licht der Welt erblickten, das ist für sie auch so ein Wunder. Das freilich mit dem jähen Ende eines anderen Wunders zu tun hat. Man kann es sehen, wenn man die große Fotowand in Tamar Küchlers Praxis betrachtet. Unter all den Bildern mit den schlummernden oder staunenden Babys findet sich klein und dunkel das Polaroidfoto eines gerade geborenen Jungen: sehr zerbrechlich, mit zartem Mund und dünnem Flaum auf dem Kopf, die Augen geschlossen, in weiße Tücher gehüllt. Tamar Küchler hat seiner Mutter geholfen, ihn in dem Krankenhaus, in dem sie damals arbeitete, zur Welt zu bringen. Dass es eine Spätabtreibung war, erfuhr die Hebamme erst später.
Seit Juni 2006 wurden späte Schwangerschaftsabbrüche in dem Krankenhaus, in dem Tamar Küchler und Aline Queck zu jener Zeit gemeinsam arbeiteten, auch im Kreißsaal durchgeführt. „Seitdem bin ich jedes Mal mit Herzklopfen auf Arbeit gefahren. Hoffentlich muss ich nicht dabei sein“, erinnert sich Aline Queck. Für die 28-jährige Christin aus Sosa war schnell klar: Das konnte sie nicht. Für Tamar Küchler war es ein Kampf. Da war das Haus, dass die alleinerziehende Mutter abzahlen musste, die zwei kleinen Söhne. „Ich wollte mir einreden, dass ich doch etwas Gutes tue, wenn ich Frauen in dieser schwierigen Situation begleite.“ Ein Dilemma. Dann hörte sie im Gottesdienst das Jesaja-Wort: „Wehe denen, die Böse gut und Gutes böse nennen“. Sie vertraute Gott, dass er sie nicht ins Nichts fallen ließe. Im September 2006 reichten sie, Aline Queck und zwei weitere Hebammen die Kündigung ein. Aline Queck ging für ein Jahr in den Sudan, nach Indien und Indonesien. Tamar Küchler wagt den Sprung in die Selbstständigkeit. Andere christliche Hebammen beantworten den Gewissenskonflikt anders – und bleiben.
Nach offiziellen Angaben gibt es in Deutschland jährlich etwas 200 Abtreibungen jenseits der 22. Schwangerschaftswoche - in einem Alter, in dem Frühgeborene bereits außerhalb des Mutterleibes lebensfähig wären. Aline Queck zweifelt aufgrund ihrer Erfahrungen an dieser Statistik. Da nicht alle Schwangerschaftsabbrüche erfasst werden, gehen auch Ärztevertreter von einer weit höheren Zahl aus.
Der Grund ist oft eine Behinderung des ungeborenen Kindes, die nach Meinung von Ärzten eine Gefahr für die körperliche oder psychische Gesundheit der Mutter sein könnte. „Aber viele Mütter wissen gar nicht, was sie da tun“,  sagt Aline Queck. Oft fehlt ihnen die Möglichkeit, sich in Ruhe über die Behinderung ihrer Kinder zu informieren und abzuwägen. Es bleiben ihnen Trauer und Schuldgefühle. „Die Mutter“, sagt Tamar Küchler, „ist doch das zweite Opfer.“ Genau darüber wird der Bundestag am 18. Dezember diskutieren.
Sechs Tage später ist Weihnachten. In den Festtagen werden im Geburtshaus von Tamar Küchler und Aline Queck wohl fünf Kinder das Licht der Welt erblicken. „Ach“, sagt Tamar Küchler, „es ist schon erstaunlich, was Gott aus all dem gemacht hat.“
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